Kluge, nachdenkliche und differenziert denkende junge Menschen


Ministerpräsident Torsten Albig im „Dialog mit der Zukunft“ mit Schülerinnen und Schülern der Flensburger Wirtschaftsschule.

Brexit, Integration von Flüchtlingen, Abschottungstendenzen in Europa, Heimatverbundenheit und Mobilität in Europa und der Welt – Vieles kam zur Sprache als Ministerpräsident Torsten Albig sich im Rahmen seiner Gesprächsreihe „Dialog mit der Zukunft“ am 7.10.2016 der Diskussion mit gut 100 Schülerinnen und Schülern der HLA stellte. Das Gespräch mit jungen Menschen, um deren Perspektiven, Wünsche und Forderungen an die Politik zu erfahren, sei ihm wichtig, denn dieser Dialog unterscheide sich deutlich von seinen wiederkehrenden Kontakten mit denjenigen, die „mir etwas sagen müssen, weil sie einen Verband vertreten oder ein bestimmtes Parteibuch haben“, so Albig.

Ministerpräsident Torsten Albig mit Schülern der HLA    Ministerpräsident Torsten Albig mit Schülern der HLA
Auf die Frage, warum er für diese Diskussion die HLA ausgewählt habe, antwortete Albig: „Sie hat einen guten Ruf.“ Die Schule sei ihm aufgrund der guten pädagogischen Arbeit und der besonderen internationalen Ausrichtung empfohlen worden. Sein Wandelgang vor der Diskussion habe diese Empfehlung eindrucksvoll bestätigt, so Albig. In diesem Wandelgang stellten Schülerinnen und Schüler sechs ausgewählte Bildungsangebote der Flensburger Wirtschaftsschule vor.

  1. Das Interreg-geförderte Projekt STaRForCE (Strong Talents Ready For Crossborder Education), in dem intensiv an der Entwicklung deutsch-dänischer Berufsausbildungsmodelle gearbeitet wird. Eine Klasse für Einzelhandelskaufleute, in der Dänisch unterrichtet wird, stellt den Kontakt zu Auszubildenden im Einzelhandel des Business College Sonderburg vor und beschreibt anschaulich die Unterschiede beider Ausbildungssysteme.
  2. die zweijährige, ausbildungsbegleitende Zusatzqualifikation Europakauffrau/-mann für engagierte Auszubildende, die an der HLA – Die Flensburger Wirtschaftsschule seit 2014 erfolgreich angeboten wird,
  3. das Subprofil International Management des Beruflichen Gymnasiums Fachrichtung Wirtschaft mit bilingualem Unterricht,
  4. die Beschulung von Flüchtlingen an der HLA mit aktuellen Projekten,
  5. die Fachschule Wirtschaft Fachrichtung Internationale Wirtschaft für angehende staatlich geprüfte Betriebswirte
  6. und die zivile Ausbildung von Soldatinnen und Soldaten, welche die Flensburger Wirtschaftsschule seit vielen Jahren erfolgreich in Kooperation mit dem Berufsförderungsdienst der Bundeswehr und den Verantwortlichen vor Ort durchführt.

Der Ministerpräsident zeigte sich sehr interessiert und beeindruckt von der Vielfalt und der Ausgestaltung der Ausbildung an der HLA.

Mit dem Berufsschüler und angehenden Industriekaufmann Max Köhler-Karstens hatte die anschließende Gesprächsrunde einen professionellen Leiter. Mit den Stichworten Europa, Abschottung, Brexit setzte er die Diskussion in Gang, so dass anfängliche Zurückhaltung der Schüler schnell verflog. Viele Beiträge setzen sich kritisch und mit Besorgnis mit der derzeitigen europäischen Entwicklung auseinander. Anne Ohlsen (Berufliches Gymnasium, 12. Jahrgang) z.B. bezeichnete sich als sehr heimatverbunden. Offenen Grenzen seien aber wichtig. „Man muss alles dafür tun, dass man sich nicht wieder verfeindet“, sagte sie und verwies auf die deutsche Geschichte. Torsten Albig unterstützte dies mit Verweisen auf die deutsch-dänischen Kriege und die Weltkriege. Schließlich seien die Auseinandersetzungen und ihre schlimmen Folgen „nur 100 Jahre her“. Es sei daher ein Privileg in der jetzigen Zeit zu leben. Die Folgen des Brexit für Großbritannien wurden ebenfalls beleuchtet. Albig führte aus, dass die Mehrheit der jungen Menschen gegen den Austritt gewesen sei, aber nur unter 20 Prozent der 16- bis 20-Jährigen ihr Stimmrecht wahrgenommen hätten. Konsens bestand in der Runde darüber, dass in Großbritannien Urteile gefällt und Meinungen verbreitet worden seien, ohne hinreichend informiert zu sein. „Am nächsten Morgen wacht man auf – und Europa ist verloren.“ Albig rief die Schülerinnen und Schüler daher auf ihre Stimme zu erheben und ihr Stimmrecht zu nutzen. In Zeiten, in denen rechtspopulistisches Gedankengut verstärkt Raum greife, müsse insbesondere die junge Generation Position beziehen. Bezogen auf den europaweit spürbaren Rechtsruck sagte Albig, es sei „keine leichte Zeit für einen freien Geist, für eine freie Meinung“.

Auf die Frage nach der weiteren Entwicklung und Ausgestaltung der Europäischen Union bezogen die Schüler klar Position: Es könne keine Mitgliedschaft in der EU geben, in der man sich die Vorteile verschaffe, aber Pflichten, wie die Aufnahme von Flüchtlingen, ablehne, so Fachschüler Manuel Oltmanns. Es sei bedauerlich, „dass Europa nicht zusammenhält, wenn es um die Flüchtlinge geht, um Tod und Verzweiflung“, wie es eine Schülerin formulierte. Und Albig kritisierte: „Wir reden solange über eine unlösbare Krise, bis wir es glauben“. Die Aufnahme und Integration von Flüchtlingen sei eine große Herausforderung und „noch ein langer Weg“, es handele sich aber nicht um eine krisenhafte Situation. „Wir stecken eher in einer ethisch-moralischen Krise.“ so Aischa Sane (Berufliches Gymnasium, 12. Jahrgang). Man müsse die Probleme verteilen und gemeinsam lösen.

Auch zwei Schüler aus den Flüchtlingsklassen beteiligten sich an der Diskussion und schilderten u.a. ihre Wohnungssituation, die sich mit Erreichen des 18. Lebensjahres verschlechtern werde, da dann eine Unterbringung zusammen mit viel mehr Personen vorgesehen sei.

Albig rief die Schülerinnen und Schüler abschließend auf die Freiheiten eines grenzenlosen Europas zu nutzen. „Es gab nie einen besseren Zeitpunkt, auf der Welt sein zu können.“ Im seinem Fazit sprach der Ministerpräsident von klugen, nachdenklichen und differenziert denkenden junge Menschen, mit denen er gesprochen habe und einem Besuch in Flensburg, von dem er viel mitnehmen könne.

Autor: Andreas Zettl

Hier einige Stimmen der beteiligten Schülerinnen und Schüler:

Manuel Oltmans (Fachschule Wirtschaft – Fachrichtung Internationale Wirtschaft)

Ich kann für mich sagen, dass ich positiv überrascht wurde. Die Frage, die sich mir bei einem solchen Gespräch stellt ist, ob dies eine PR-Veranstaltung für die bevorstehende Landtagswahl sein soll oder ob hier wirklich ein Interesse an den Schülern im Vordergrund steht. Aufgrund der Art und Weise, wie mit den Schülern gesprochen wurde nehme ich an, dass es dem Ministerpräsidenten ebenfalls gefallen hat und es sich nicht um Wahlkampf gehandelt hat. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass Herr Albig auch durchaus in der Lage war, seine Meinung derer von Schülern entgegenzusetzen und zu verteidigen.

Herr Albig war völlig nahbar und schnell legten sich bei den meisten Schülern die Hemmung, mit einer Person wie dem Ministerpräsidenten zu sprechen. Es wurde zugehört, ernste Themen angeschnitten, aber auch der eine oder andere Witz gemacht. Von einem Europa der Zukunft ging es über das InterRail-Ticket zur Flüchtlingskrise und wieder zurück. Hier konnten insbesondere die beiden Flüchtlinge ihre Ansichten erläutern. Der Satz „manchmal bin ich Flensburger, manchmal Ausländer“ ist mir dabei besonders im Kopf geblieben und verdeutlicht die Situation, in der sich unsere ausländischen Mitbürger befinden.

Was ich besonders gut finde ist der Umstand, dass parteipolitische Ansichten gar nicht genannt wurden. Welche Einsichten Herr Albig gewonnen hat, was er davon umsetzten will und kann wird sich zeigen. Für ein zukünftiges Gespräch hätte ich mir mehr Zeit gewünscht. Natürlich sind die meisten Politiker vorbildliche Rhetoriker, so dass Ausführungen dieser nicht immer in drei kurzen Sätzen enden. Dieses hat dann in ein paar Situationen sehr viel Zeit in Anspruch genommen, so dass einige Schüler aus Zeitmangel nicht mehr sprechen konnten oder ihnen der Arm vom Melden taub wurde. Trotzdem: besser so als wenn es keine Beteiligung gegeben hätte.

Aischa Sane (Berufliches Gymnasium Fachrichtung Wirtschaft, 12. Jahrgang):

Es war sehr interessant, den Ministerpräsidenten persönlich zu treffen und mit ihm ein Gespräch auf Augenhöhe führen zu können. Vor allem die Diskussion darüber, wie Europa und die EU unser Leben beeinflussen, war, wahrscheinlich auch für Herrn Albig, sehr aufschlussreich. Meiner Meinung nach war das Gespräch aber ein wenig oberflächlicher als erwartet, was aber dem kleinen Zeitpensum geschuldet war.

Martin Skwarek (Berufliches Gymnasium Fachrichtung Wirtschaft, 13. Jahrgang):

Im Allgemeinen empfand ich den Besuch des Ministerpräsidenten als positiv, da dies visualisierte in wie weit der junge Teil der Bevölkerung eine Bedeutung bei der Ausrichtung der Landespolitik darstellt. Des Weiteren fiel mir die entspannte aber dennoch konstruktive Atmosphäre positiv auf. Dennoch war ich, sowie einige andere Mitschüler auch, entäuscht, dass bei der Diskussion viele der vorher definierten Themen nicht berücksichtigt wurden. Im Übrigen war selbst für die tatsächliche Auswahl der Themen der zeitliche Rahmen zu kurz angesetzt.

Ruholla Amini, Khaled Saleman (Ausbildungsvorbereitung Schleswig-Holstein (AV-SH 1-15)):

Wir hoffen, dass wir in Europa als Flüchtlinge in Deutschland Vorbilder werden können.
Und wir hoffen, dass wir in Deutschland, egal welche Religion oder Hautfarbe wir haben, eine Chance bekommen und zeigen können, dass wir ein Teil von dieser Gesellschaft werden wollen. Wir wünschen uns für unser Leben in Schleswig – Holstein ein angstfreies Miteinander.