Sandgestrahlt und durchgepustet…   Recently updated !


Der Wetterbericht sagte Regen, Wind und nicht gerade sommerliche Temperaturen voraus: typisch Sylt. Dennoch machten sich am 02.10.2017 neun Fachschüler auf, um an diesem Brückentag die Brücke… ah ne, den Bahndamm in Richtung der Reichen und Schönen zu überqueren.

Dass wir uns (noch!?) nicht in die Kaste der Reichen eingruppieren würden, war uns durchaus vorab bewusst. Aber wir machten uns mit vollem Selbstvertrauen auf unser Gastspiel bei den Schönen bereit.

Nachdem wir die erste Behandlung mit dem original Sylter Meerwasser-Salzluft-Fön hinter uns hatten, verabschiedeten wir uns auch rasch von diesem Gedanken.

Zuerst führte uns eine Dame der Sylter Tourismusagentur über die Promenade und teilte dabei ihr Wissen über die aufgebauten Zelte, die Brandschutzregeln etc. mit uns, bevor wir das inoffizielle Herzstück der Meile erreichten: das große Festzelt. Für den erhofften Zwischenstopp zur Stärkung blieb leider keine Zeit und hinter dem anderen Ende des riesigen Zeltes waren sie endlich zum Greifen nah: mutige Männer und Frauen, die sich risikoreich mit Brett und Segel in die tosende Nordsee warfen.

Zunächst ging es gemeinsam zum Stand des Magazins Surf, wo uns der Chefredakteur Andreas Erbe mit Informationen zu seiner Zeitschrift, ihrer Vertriebs-, Kosten- und Kundenstruktur, Inhalten etc. versorgte.
Danach trennte sich die Gruppe schweren Herzens: eine Hälfte interviewte Timo Junge von der Firma Fanatic und erfuhr dabei allerhand Fakten hinsichtlich des Windsurf-Marktes, der Produktion der Bretter, Trends und die Zukunftsaussichten des Sports. Als er dann noch über die Kosten einer üblichen Surfprofi-Ausrüstung sprach, wurde die Seeluft durch Unmengen unserer Mitleidstränen noch salziger.

Die zweite Gruppe unterhielt sich währenddessen mit Rick Hanke, dem Gründer von Maui Ultra Fins. Dieser berichtete neben den allgemeinen Informationen zur Firma ebenfalls über die Markttrends. Anschließend wurde neu gemischt: mit dem Plan, mittels Wimpernklimpern möglichst viele Informationen aus ihm heraus zu bekommen, stellten wir die weiblichen Wesen unserer Gruppe bei Yegor Popretinskiy ab, einem russischen Surfer. Die Herren unterhielten sich derweil mit dem Dänen Kurosh Kiani. Durch die Tatsache, dass trotz räumlichen Abstands und fehlender Absprache zwischen den Gruppen weitestgehend ähnliche Fragen gestellt (und ähnliche Antworten gegeben) worden sind, wurde der unwiderlegbare Beweis erbracht, dass Schwarmintelligenz existiert und nicht von unmittelbarer physischer Nähe abhängig ist! Die Themen kreisten dabei um Wettkämpfe, Lebensbedingungen und Zukunftspläne der Surfer, bereits gewonnene Titel, Sponsoring, Preisgelder usw.

Nach einem kurzen Abstecher zum nächstgelegenen Stand mit Currywurst und Pommes (ob der Tatsache, dass der sylt-typische Blattgoldüberzug fehlte, waren diese schon für sagenhafte 6,50 € zu haben!) erfreuten wir uns an etwas, was mich entfernt an das gute alte „Faden-Ziehen“ auf den Jahrmärkten meiner Kindheit erinnerte – oder auch an meine Omma, die vom kleinen Balkon zum Hinterhof die Socken an einer Leine nach unten (!) hängen ließ, um sie abends wieder einzuholen: auf dem „Judgingtower“, der – wie wir von Herrn Köpke erfuhren – neben den Kampfrichtern mindestens einen gut ausgebildeten Menschen mit funktionsfähigem Fensterwischer beherbergte, befand sich eine hochtechnische, praktisch unbezahlbare Apparatur, die mittels etwas stärkerer Wäscheleinen farbige Stofffetzen hoch in den Himmel beförderte, um den Surfern auf dem Wasser optische Signale zu geben, dass der Wettkampf doch bald beginnen bzw. enden solle. Technik, die begeistert!

Weiter ging es: mit Wind in den Haaren und Sand an Stellen, die nie ein Mensch zuvor erblickt hat, bestaunten wir mit großen Augen mit Werbeaufklebern versehene Segel, die am Strand lagen, während es auf dem Wasser wieder etwas voller wurde. Wir wanderten am Strand entlang und schauten einigen Surfern bei Sprüngen und anderen Dingen zu, die der gemeine Surfer bei geeigneter Wellenlage so macht, um dem Publikum zu imponieren, bevor wir uns geistig auf den Abschied vorbereiten.

Den Rückweg zum Bahnhof nutzten einige von uns, um in einem wohlbekannten Schnellrestaurant noch einen Kaffee zu sich zu nehmen. Hier konnten wir uns noch in Farbe und bunt anschauen, was wir vor Jahren einmal im Physikunterricht gelernt hatten: Der Energieerhaltungssatz besagt, dass innerhalb eines geschlossenen Systems (hier: Sylt) sich die Gesamtmenge an Energie nicht verändern kann, sondern nur verlagern. All die Motivation, Energie und Lebensfreude, die sich auf der Promenade von Westerland ballte, wurde scheinbar den Mitarbeitern mit dem goldenen „M“ (wie „M“ama) aus den Adern gesaugt – anders lässt sich nicht erklären, dass von der Bestellung eines kleinen, einfachen Kaffees bis zum Erhalt des Getränkes etliche Minuten vergingen.

Aber auch dieses Erlebnis konnte den positiven Gesamteindruck dieses zwischendurch immer wieder sonnigen Tages nicht trüben: singend und springend, wie bezopfte kleine Schulmädchen, machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof, um dann in einem ganz ordinären Ersatzzug die Heimreise anzutreten.

Autor: Alexander Köhn-Diercks